Aktuelles

Neue Kolumne im handwerkmagazin

Meldung vom 14.11.2025
Deutschland, das neue Disneyland Europas. Aber
nicht wegen der Märchenschlösser oder der sprechenden
Mäuse wie im Pariser Touristenmagnet –
nein, sondern weil es sich zunehmend anfühlt wie ein
Freizeitpark
für gut abgesicherte Frühpensionisten und
Rentner mit Bewegungs- und Meinungsdrang. Wie ich auf
diese Behauptung komme? Ganz einfach. Ich war am
Wochenende
in einer Therme. Dabei machte ich komische
Beobachtungen.
Die Babyboomer-Generation hat den Zenit ihres Berufslebens
hinter sich gelassen und stürzt sich jetzt mit erstaunlicher
Energie auf das neue Abenteuer: den Unruhestand.
Topfit, wetterfest und oftmals besser informiert als
der Hausarzt, bevölkern sie die Thermenlandschaften,
lassen sich in Wasserkanälen treiben wie Gummienten
auf Valium, oder kurven mit ihren E-Bikes die Berge hoch
– und anschließend ohne Helm die Landstraßen
runter.
Früher haben Rentner Tauben gefüttert und
Briefmarken sortiert, heute schreiben sie Leserbriefe
mit der Wucht einer Verfassungsbeschwerde,
melden überstehende Äste beim Ordnungsamt
oder führen Nachbars Wärmepumpe
mit Nachtsichtgerät in die Illegalität. Und wehe,
jemand stellt einen Carport ohne Bebauungsplan
in Zone 2b auf. Oder möchte den wenigen
kostbaren Raum in der Stadt maßvoll nachverdichten
mit barrierefreien Wohnungen eben
gerade für sie und damit zum Wohle der jüngeren
Generation, die dann in die leer werdenden
viel zu großen Häuser ziehen könnten.
Da wird die Bürgerinitiative schnell aktiviert.
Facebook-Gruppen sind ihre virtuellen Gartenstammtische,
Telegram-Kanäle ihre digitalen
Schrebergärten. Und dort wird gepflanzt, was
gerade blüht: Halbwissen, Skepsis und das gute
alte „Man wird doch wohl noch fragen dürfen?!“
Früher nannte man das Kaffeeklatsch –
heute ist es eine Recherche-Community.
Und sie sitzen nicht nur auf Parkbänken – sie
sitzen in Gemeindeparlamenten, Stadträten,
Aufsichtsräten und Bürgerbeiräten. Und dort
passiert etwas Eigenartiges: Menschen, die
jahrzehntelang Dienstanweisungen abgeheftet
und Kreisdiagramme bewundert haben, erklären
plötzlich der Welt, wie sie zu funktionieren hat.
Zukunft? Gerne – aber nur mit Durchschlag, Siegel und
Lärmschutzgutachten. Wer heute ein Windrad aufstellen
will, bekommt es nicht mit dem Wetter zu tun, sondern
mit Rentner Erwin, 68, ehemaliger Verwaltungsfachangestellter,
der „das alles mal durchrechnet“. Er weiß: Das
bringt doch nix – außer Schatten auf die Orchideen. Und
außerdem: „Früher ging das auch ohne.“